Sie griff nach den drei am Hinterkopf zusammengewachsenen Fröschen und schob sie sich gierig in den Mund. Ein großer Happen. Energisch biss sie zu.

Es quietschte herrlich.

Dieser Duft!

Sie wog den Schatz in ihrer Hand. Horrido Sweet Freax. Inhaltsstoffe einwandfrei, äußeres Erscheinungsbild … höchst fragwürdig.

Das war sicher eine Mogelpackung. Fühlte sich viel zu leicht an.

Sie drehte die Tüte um.

165 g.

Aha. Eine limitierte Sonderausgabe also. Mit definitiv limitiertem Inhalt, der dem zuckersüchtelnden Konsumenten als Exklusivität verkauft wurde.

Na ja.

Vielleicht wegen der Geister. Die wogen ja kaum etwas. Würde auch den Warnhinweis erklären: „Verzehr über 18 Jahre auf eigene Gefahr“.

Aha. Egal. Halloween war nur einmal im Jahr. Und der Kauf dieser Köstlichkeiten rettete …

Sie strich die Plastikfolie glatt.

„… rettete ambitionierte Ausschussware vor dem Müllcontainer.“

Sie hatte ein zu weiches …

Herz.

Ja. Dieser Klumpen Schaumgummierdbeeren sah aus wie …

Oh Gott.

Die Hühnerherzen.

Sie lief zum Kühlschrank. Eiskalt waren die nicht gut für den empfindlichen Magen.

Mylo reckte den Kopf.

„Gleich. Aber du musst noch ein bisschen warten.“
Sie vertröstete den immer hungrigen Hund.
„Der Abend ist noch lang!“

In den letzten Monaten hatte sie so viel Angst verspürt, dass für dieses vom Kalender verordnete Großereignis nun wirklich nichts mehr übrig war.

Heute Abend war reine Freude.

Der Knabberkram. Das Filmprogramm. Die tierische Gesellschaft.

Sogar das Wetter gab sich Mühe. Seit dem Nachmittag stürmte es ganz ordentlich.

Ihre Nachbarin war diesmal im Bootshaus unter der Zoobrücke zugange. Eine feine Location.

Aber bei dem Nebel heute Nacht …

Na ja.

Sie widmete sich wieder ihrer gemischten Tüte Horror. Für jeden anders, individuell zusammengestellt. Wie im wahren Leben.

Bei ihr waren es momentan eher Zipperlein als große, fiese Katastrophen.

Aber trotzdem.

Schön war anders.

Erst mal Zähne putzen. Filmpause.

Als sie aufstand, um ins Bad zu gehen, spitzte Mylo die großen Ohren. Bewegung irgendeiner Art bedeutete für ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit, dass die Chance auf einen Gassigang bestand.

Sie öffnete das Fenster. Diesig und usselig. Keine Menschen unterwegs.

Die Wettervorhersage versprach mehr Regen.

Mylo hasste Regen.

„Tja, Mausbär. Gehen wir besser jetzt, hm? Sonst kriege ich dich später gar nicht mehr vor die Tür, gell?“

Los geht’s.

Süßkram. Kackbeutel. Leine. Schlüssel.

Der kleine Hund schoss aus der Haustür, überquerte den Gehweg und steuerte den Parkstreifen an.

Auf der anderen Straßenseite näherte sich eilig eine dunkle Gestalt. Mehr Umriss als Substanz.

Ihre Augen scannten sie mit Kennerblick.

Kein Dreispitz. Kein Enterhaken. Keine Hockeymaske.

Alles gut.

Die Gestalt rannte vorbei, verfing sich in der schmalen Leine und strauchelte.

Huppala!

Oh Gott.

Sie hatte vergessen, Mylo das blinkende Halsband anzulegen.

Glubschaugen rollten über den Asphalt Richtung Rinnstein.

Huppala.

„Ist Ihnen was passiert?“

Sie griff nach einem Ärmel.

Da war nur kalte Luft.

Mylo bellte kurz verwirrt, wandte sich dann aber wieder den Riechbotschaften auf dem Grünstreifen zu.

„Danke, aber nein.“

Die Gestalt rappelte sich hoch.

„Das passiert eben …“

„Okay. Na dann.“

Sie griff in die Manteltasche und stopfte sich ein paar einflügelige Fledermäuse in den Mund.

Die Gestalt sammelte ihre Augen ein und platzierte sie am Hinterkopf.

Krasser Film.

„Nun ja. Tut mir wirklich leid!“

Sie hielt die fast leere Tüte hin.

Ihr Gegenüber zog vorsichtig einen strangulierten Schlumpf aus der Packung. Um den lila angelaufenen Kopf wand sich eine Lakritzwürgeschnecke.

„Oh ja, sehr aufmerksam, danke! Ich muss heute Nacht schließlich noch Schrecken verbreiten, wissen Sie?“

Sie nickte verständnisvoll.

„Viel … äh … Glück dabei!“

Die Gestalt verbeugte sich und verschwand wieder in der Nacht.

Inzwischen hatte der Regen eingesetzt, und den Hund zog es zurück ins Warme.

Sie grinste zuckersatt.

„Das war mal ein netter Stolpergeist, gell, Mylo?“

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