Liebe Liv,
Ich bin nicht verrückt!
Oh, ich konnte nicht anders, verzeih! Hörst du es auch? Schon wieder ein Fragezeichen! Zuviel, klar. Aber es zuckte mir in den Fingern. In den Fingern und in der Kehle. Vielleicht, weil ich dir gar kein wirkliches Drama zu berichten habe. Aber wir haben beide schon genug der anbiedernd reißerischen Briefanfänge gelesen, nicht wahr. Es hat halt Wirkung. Auch wenn es nicht wahr ist. Also, dass ich. Dass ich nicht. Nicht, dass ich nicht nicht.
Egal.
Ich wiederhole meine Aussage von letzter Woche: Du brauchst dich nicht zu sorgen! Ich befolge die Ratschläge. Und ja, ich mache kleine Fortschritte. Laufe … nein, schleiche dem Burn-out davon … Heute Nacht war okay.
Hier, direkt noch ein Beweis. Draußen rumpelt jemand einen Rollkoffer durch die Straße – und das hat sich für mich angehört wie nahendes Hufgetrappel! Das ist auf jeden Fall gut. Ich assoziiere „was mit Natur“ – und nicht mit Hektik. Postkutschengeschwindigkeit statt Düsenflieger.
Wichtig ist: Ich weiß, mit Burn-out – Nein, sagen wir korrekterweise: mit den Vorboten – ist nicht zu spaßen. Und das weiß ich, weil ich es wirklich, wirklich weiß. Und nicht, weil ich schon wieder die Zehn der Schwerter gezogen hab. Jaja. Ich weiß. Wir reden da noch mal in Ruhe drüber.
Was sind eigentlich Vorboten? Laufen die vor dem Boten her oder weg, um vor der Botschaft anzukommen – sie anzukündigen? Aber wie? Um dezent auf das Unheil hinzuweisen? Also ein Kieselstein als Vorbote des Meteoriten. Hallo, knirsch, knirsch – da kommt was Großes auf Sie zu. Oder als frohe Botschaft. Ich bin ein Stück Paketklebeband. Naa, vermuten Sie was? Jaha. Jetzt kommt ein Karton! Hoffentlich noch solide genug.
Können hilfreich sein, so Vorboten. Oder kleine nervige Klugscheißer.
Ich hab den Timer noch angehabt. Alle halbe Stunde aufstehen und aus dem Fenster schauen. Macht Spaß. Mache ich jetzt auch.
Verrückt, da steht ein Stuhl neben dem Laternenpfahl. Warum sehe ich gerade so viele Stühle. Es sind Einzelgänger. Der drüben gerade, ich schick dir ein Foto – da ist ja irgendwie jetzt ein Platz im Grünen geschaffen worden, oder? Sollte man diese Solitärstühle, diese Ausgesetzten bedauern? Nein.
Da hat wohl eher mal jemand auf Ausbruch als auf Aussitzen gesetzt. Den Braten gerochen. Die lauwarme, geschmacklose Wahrheit auf den Tisch gebracht. Die Suppe ausgelöffelt und dann reinen Tisch gemacht.
Wo ist eigentlich dein Gegenüber abgeblieben?
Gegenüber?
Na das, was auf der anderen Seite des Tisches saß?
Aber da war nur die Wand!
Als ihr noch funktioniert habt. Als ihr noch das getan habt, was man euch bei der Familienaufstellung im Möbelhaus empfohlen hat!
Er schweigt.
Okay. Ist wohl kein Beichtstuhl.
Soll man sie wirklich mitnehmen, oder ist es nicht viel eher eine Einladung, sich eine Pause zu gönnen, den Rucksack abzustellen. Eine nette Geste von Menschen, die zu bescheiden sind, um einen dieser nigelnagelneuen normierten Dreier zu sponsern. Wo man dann eine Metallplakette an der Bank sieht: Von Änni und Heinz, das war ihr Lieblingsplatz – in ihrem Vorgebirgspark und ihrem sanft hügeligen Leben. Oder so.
So ein abgeranzter Stuhl hat doch Charakter und protzt nicht. Steht einfach irgendwann am Straßenrand. Alt und eingesessen.
Nee: besessen. Besessen, nicht wahr!






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