
Er hatte das Vapen am Wochenende wieder dran gegeben. Dass das Vapen gesünder sein sollte, war nur ein Marketingtrick, und gar nicht beweisbar, meinte Mario. Mario, Superkumpel Supermario, der hatte ihn wieder angefixt, mit den guten alten roten Luckies.
Samstag Nacht hatte er zum x-ten Mal im Suff einen dieser teuren Pods in irgendeinem Schuppen liegen lassen. Der Verlust einer halben Packung Kippen hätte ihn nicht gekratzt. Nee, das war’s dann. Bye, bye Hype. Schluss mit dem Kinderkram. Er gab sich jetzt wieder ehrlichen Tabak.
Kurz vor Mitternacht. Er tastete in den Taschen seines Overalls, zündete sich noch eine an. Der Scheißbus kam eh nicht pünktlich.
Das nervte jeden Tag von der Spätschicht immer mehr. Bescheuert rumstehen, im Nieselregen warten auf den Bus, hier an dieser schäbigen Haltestelle im Industriegebiet.
Entzug der Fahrerlaubnis. Diese Willkür. Klar war er froh, dass sie ihn nicht einbuchten konnten. Aber es blieb Kerker!
Nicht mit dem eigenen fahrenden Untersatz unterwegs zu sein, kam für ihn einer Gefängnisstrafe absolut gleich.
Er war seiner Freiheit beraubt, seinem Recht beraubt, sich frei von A nach B bewegen zu können. In vernünftiger Geschwindigkeit. Na ja, einigermaßen, bis halt wieder das nächste dämliche Verkehrsschild kam.
Von anderen abhängig zu sein, das war der größte Spaßkiller. Auf die Dienstleistung Fremder angewiesen zu sein, die ihn gegen Bezahlung – und zu horrenden Wahnsinnspreisen – umherkarrten wie ein Stück Vieh. Das war Freiheitsberaubung erster Güte.
Danke für nichts, Richterin Bitch mit verkniffenem Mund.
Drei Wochen Fahrverbot lagen noch vor ihm.
Der Kollege, der ihn meist mitgenommen hatte, war in Urlaub. Das hieß jetzt für ihn jeden Abend Nachtbus.
Er gähnte, scrollte lustlos auf dem Handy herum, rieb sich die Augen, visierte dann wieder die Straßenbiegung an. Nee, der Bus tauchte immer erst auf, wenn er in die andere Richtung starrte.
Er wandte den Blick ab, und Sekunden später wurde die Welt grell von den Scheinwerfern ausgeleuchtet. Scheißspiel.
Die Fahrertür öffnete sich klappernd. Ein Schwall verbrauchter Luft versuchte zu entkommen. Der glatzköpfige Fahrer grinste ihn breit an, winkte ihn herein.
Wie immer, fast leer. Yeah. Welche Ehre, er hatte freie Platzwahl.
Er schob sich vorbei an einer plappernden alten Frau, die weit in den Gang gebeugt in der ersten Reihe hinter dem Fahrer saß. Sie musste hochgradig schwerhörig sein, so dröhnend laut, wie sie den Fahrer beschallte. Sein Handrücken streifte sie im Vorbeigehen. Fell. Ein Pelzmantel, im September. Irre.
Er strebte in den hinteren Teil des Gefährts, weg von der Quasseloma und dem Gequake des Fahrers.
Tolle Kinder, Süße Enkel, Mann zu früh gestorben. Blablabla.
Es roch nach billigem Vanilleduftbaum, Erde und nasser Katze. Grausam. Sein Auto roch nach ihm, nach den schweineteuren Ledersitzen – und jetzt auch wieder nach Luckies. Die Nachtbusse waren dreckige Geruchscontainer, ihre Ladung eine Mischung aus stinkenden Überbleibseln der stundenlang eingepferchten Looser.
Der Bus fuhr an, stoppte dann aber wieder unvermittelt. Er fiel unsanft auf die Sitzbank neben der letzten Tür.
Die Fahrertür öffnete sich für einen verspäteten Gast.
Zielstrebig lief die dunkle Gestalt nach hinten durch, ließ sich auf den Sitz neben ihn fallen. Und glotzte ihn aus kleinen finsteren Augen an.
Was für ein Typ? Ein fetter kleiner Punk. Irokesenschnitt, die schwarzen Haare zu langen Stacheln hoch gegelt.
Ernsthaft? Will der mich provozieren.
»Was soll das hier?«
Keine Antwort: Riesige Pupillen starrten ihm weiter ins Gesicht.
»Hast du ein Problem, Bruder?«
»Meine Brüder sind tot.«
Verflucht, der war auf einem miesen Trip. Nee. Er würde jetzt nicht so was sagen wie: Okay, äh, sorry?
Er sagte: »Verpiss dich.«
Das wirkte. Der Punk schob sich betont langsam vom Sitz und trollte sich in den vorderen Teil des Busses.
Na bitte. Klare Kante.
Er lehnte sich zurück, tastete nach den Kippen. Wäre er in seinem Auto, würde er jetzt Gas geben, die freie Straße genießen, statt hier mit Zombies rumzuzuckeln.
Freiheit, Rauchen und Sportsitze.
Diese Sitzbezüge hier – wer dachte sich sowas Krankes aus? Wirre Muster, wie abgeranzter Spielhallenteppichboden. Kein Wunder, da kriegte doch jeder Lust, sich die schmutzigen Stiefel dran abzuwischen.

Verdammt, jetzt hielt der Bus schon wieder.
Er presste die Stirn an die Scheibe, sie waren auf der dunklen Landstraße im Nirgendwo.
An jedem Drecksloch von Kaff, an jedem Briefkasten mussten sie halten. Wer wohnte hier?
Eine Frau stieg ein. Schlank. Lange Beine. Jung. Nicht schlecht. Wenigstens ein bisschen Spaß auf diesem Schneckenausflug. Sie trug einen eng anliegenden kurzen hellbraunen Mantel. Mit geschmeidigem Gang kam sie näher, setzte sich auf die Bank schräg vor ihm.
Er rückte auf den Platz am Gang, konnte sie so besser sehen. Die Sitze hier waren scheußlich, aber echt bequem. Memory Foam fiel ihm ein. Aus der Werbung. Der merkt sich deinen Abdruck. Weich, nachgiebig, fast schon unangenehm umfangend. Die Augen fielen ihm zu. Einnehmend. Und es roch nach Moos und …
Er prallte mit der Schläfe gegen die Fensterscheibe, schreckte hoch – er musste eingedöst sein. Die kurvige Strecke. Sie waren schon im Wald. Der Fahrer machte Tempo. Endlich.
Die Frau stand plötzlich dicht vor ihm, hielt sich an der Sitzlehne fest.
Sie musterte ihn aus von langen, hellen Wimpern umkränzten, großen rehbraunen Augen. Ihre Wangen waren fleckig.
»Ich hatte eine Tochter, weißt du? « Sie sprach leise, flüsterte fast.
Ihr Atem roch nach Holz. Er nickte verwirrt.
»Ihr Name war Bambi.«
What the … Er prustete los, lachte ihr laut ins Gesicht. Was für ein krasser Scheiß. Was war los heute Nacht, Freigang?
Ihr Mund öffnete sich. Samtige Lippen entblößen ein scharfes Gebiss mit Zähnen, die Rinde von Ästen nagen können.
Sie hauchte: »Wir fahren jetzt über die Regenbogenbrücke.«
Dann griff sie mit verblüffender Kraft nach seinen Schultern, grub ihre spitzen Zähne in seine Wange.
Er drückte ihren Kopf zur Seite, stieß sie von sich. Die nächste scharfe Kurve. Er lief nach vorne. Der Punk stellte ihm ein Bein. Er stolperte, prallte mit den Kopf gegen eine eiserne Haltestange, landete mit voller Wucht auf seinen Knien. Etwas brach wie ein dünner Zweig. Er schrie vor Schmerzen, rief nach dem Fahrer. Der bremste scharf, öffnete seine Tür. Grinste wieder breit über sein mit Warzen übersätes Gesicht.
Er rappelte sich hoch, zog sich zum Ausgang, vorbei an der Alten. Ihre messerscharfen Fingernägel bohrten sich wie Klauen in seinen Rücken, sie stieß ihn vorwärts.
»Lauf«, knurrte sie mit kehliger Stimme.
Er humpelte davon, drehte sich panisch um.
Sie standen reglos im Licht der Scheinwerfer.
Der Fahrer, der Punk, die Rehfrau und die Alte im grauen Pelz.
Das Blut rauschte in seinen Ohren. Ein paar Meter, dann griff er nach seinem Handy, schaute zurück. Sie verfolgten ihn nicht.
Den SUV bemerkte er zu spät.
Dachte noch, das sollte bestraft werden,
hier
so
schnell
Die Krähen träumen noch in den Bäumen. In der Morgendämmerung beginnt ihre Frühschicht mit einer guten Mahlzeit.
Roadkill XL





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