Undankbares Scheusal. Genau wie dein Vater. Niemand will so was wie dich. Niemand wird dich holen.
Der Spiegeljunge schlug gegen die Scheibe.
Er wollte raus, endlich nach Hause.
Es brauchte nur eine ausgestreckte Hand.
Ein Tauschgeschäft.
Tim schrie.
Sie zuckte zusammen und setzte die Wasserflasche ab. Durch jedes Getöse und Geschnatter hindurch erkannte sie seine Stimme. Es war die schrillste Version seiner Hilferufe – das duldete keinen Aufschub.
Den Herdplattenschrei hatte sie ihn genannt, letztes Jahr, im Urlaub bei Opa. Seine Stimme hatte in den vergangenen Monaten an Volumen zugelegt, bemerkte der Teil von ihr, der immer noch alles festhalten wollte. Der Teil, der immer noch Tagebuch schrieb: Die ersten Jahre meines Kindes. Alles, alles will ich festhalten, dokumentieren, es ist so kostbar.
Ja, ein toller Plan aus dem glitzernden Märchenbuch der Mutterschaft. Das war schon lange zugeklappt. Schnell war ihr kostbarer Schlaf wichtiger geworden. Es war ja okay – für Perfektionismus hatte sie keine Zeit. Die Fotos müssten nur mal sortiert werden.
Scharen Kaufwilliger flanierten auf dem vorgezeichneten Weg.
Hej, wir leiten dich sicher durch den Irrgarten der Wohnwelten.
Sie hastete los, wich einem ratlos herumstehenden Paar aus und griff das Kind von hinten bei den Schultern.
„Was ist passiert?“
Tim schluchzte.
Es tut mir leid. Geh nicht.
Sie tastete den dünnen Körper ab, nahm seine Hände in Augenschein. Sie waren eiskalt. Kein Blut, keine Rötung.
Tim deutete auf den hohen Wandspiegel.
Nettes Teil. Könnte aber mal geputzt werden. Sie begegnete ihren Spiegelbildern, zog die Mundwinkel hoch zum Kameralächeln. Das Kind starrte nur. Egal, niemand hielt diesen Moment fest. Sie ließ das Lächeln fallen. Mutter und Sohn. Müde. Verloren.
Die Wahrheit zu sehen – dem Spiegel war es egal. Tröstlich, dieses Loslassen. Sie schloss die geröteten Augen. Nur ein paar Sekunden kein Multitasking … Ruhe …
Komm zu mir.
Das Kind zog stumm an ihrer Hand. Sie blickte benommen auf ihre Pulsuhr. Halb drei vorbei. Kein Wunder. Reizüberflutung.
Zwei Stunden klebten sie jetzt schon im Möbelhaus fest.
Sie kniete sich hin und umschloss Tim mit einer festen Umarmung. „Wir sind bald fertig! Geht’s wieder?“
Ihr Unterleib schmerzte. Sie rappelte sich hoch, stellte ihren Rucksack auf den kleinen Schreibtisch. Zeit für die Notration.
„Hier, schau, ich hab noch Kekse, Trollies und einen Quetschie! Du setzt dich hier hin und … kannst ja noch was malen, wie wär’s?“
Tim nickte tapfer, schob eine Hand Gummizeugs in den Mund.
„Okay, du bist toll. Ich gehe wieder rüber zu Papa. Wir sind ja gleich da vorne, siehst du? Wir müssen noch ausmessen.“
Wenig Raum, ein dürftiges Budget. Das ungeplante Zweite verlangte rasch nach einem neuen Plan. Sie hetzte zurück zu ihrem Partner. Ihre Blase machte sich bemerkbar. Schon wieder …
„Schatz, ich muss schnell nochmal … Schaust du gleich nach ihm?“
„Yep“. Er schwang den Zollstock wie einen Zauberstab über seinem Kopf.
Wenn du nicht endlich Ruhe gibst, lasse ich dich hier. Dann kannst du hier übernachten, du undankbares Balg. Willst du das? Willst du das?
Der Junge auf der anderen Seite des Spiegels weinte. Dicke Tropfen rannen seine fahlen Wangen hinab.
Es tut mir leid!
Seine Stimme klang dumpf, warf das Glas in Wellen.
Zögernd hob Tim die Hand, winkte.
Der Spiegeljunge strahlte durch Tränen hindurch, wischte sich die Nase. Die meisten gingen einfach vorbei. Erwachsene nahmen nur Möbel wahr. Kinder sahen ihn manchmal, liefen aber weiter, wurden weggezerrt.
Bleibst du hier?
Tim nickte, trat näher.
Er hauchte den Spiegel an und malte mutig mit dem Finger ein Lächeln auf das staubige Glas.
Der Spiegeljunge nickte ebenfalls.
Der Handel galt.
Der Staub geriet in Bewegung, floss über die Oberfläche und sammelte sich in neuen Linien.
Das Lächeln wurde breiter, entblößte eine Zahnreihe.
Der Spiegeljunge riss die Augen auf.
Wow! Du bist toll.
Tim kicherte glücklich.
Ich kann auch zaubern, flüsterte der Spiegeljunge. Willst du sehen?
„Hej, Großer, was machst du?“
„Für den Jungen.“ Er deutete ins Rauminnere.
„Das ist cool, ja.“
Er ließ den Blick über die Einrichtung schweifen. Sein Sohn saß inmitten der Idee eines Kinderzimmers, malte, führte Selbstgespräche. Echt nett, vor allem war reichlich Platz, stellte er frustriert fest.
Ein zwölf Quadratmeter großer Setzkasten. Hier hat nie ein Kind gewohnt. Die Utensilien, die Zeugnisse seiner Anwesenheit, waren kuratiert wie in einem Museum.
Jacke und Helm an der Garderobe – die Dinge waren im Einzelnen greifbar. Aber ihr Arrangement war nur ein künstliches Idealbild. Einer Wirklichkeit nachempfunden, die es nie gegeben hatte.
Er griff nach dem bunten Fahrradhelm. Mit Kabelbinder festgezurrt. Klar, die Deko wurde sicher auch geklaut.
„Papa?“
„Was?“
„Die Bilder da hat er gemalt. Er ist mein Freund. Und das ist seine Katze. Sie heißt Schorsch.“
„Wer?“
„Die Katze da auf dem Foto!“
„Ah, schön Timmy, ja.“
Es hatte gut angefangen mit ihnen. Aber jetzt waren sie gezwungen, schnell billige Lösungen zu finden. Hier gab es im Überfluss etikettierte Ideen. Aneinandergereihte Bretterverschläge, Fake-Fenster, verhangene Trennwände zur Vision nebenan. Für deinen ganz persönlichen Stil. Wir sehen uns am Mitnahmeregal. Ratenzahlung kein Problem.
„Darf ich ihm einen Keks geben?“
„Was? Ja logisch, immer schön helfen und teilen, Großer! Ich gehe eben nochmal rüber zu den Schränken. Du kommst klar hier, oder?“
Tim nickte und sortierte die Kekse in der Plastikbox, suchte nach einem großen Exemplar.
Was man verspricht das hält man.
Sie trank die Flasche leer und hievte sich vom Klapptritt hoch. Zu schnell für ihren Kreislauf. Sie sah Sterne. Diese verdammten Duftkerzen standen jetzt in jeder Abteilung.
Wo war Tim?
Wie durch einen Vorhang sah sie das fremde Kind aus dem Spiegel steigen. Lachend tauchte er in die endlos strömende Menschenmenge und verschwand.
Hej, liebe Kunden. Eine Durchsage: Der fünfjährige Tim …






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